Als Newcomer an die Spitze der Charts? Laut Hacker “Kai” ist dies nur eine Frage des Geldes und heutzutage kein Problem mehr. Doch was steckt wirklich hinter der Manipulation des Streamingmarkts?

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Credit: Thomas Trutschel / GettyImages

Geklaute Klicks am laufenden Band
“Es kommen Manager zu mir, die mir sagen: ‘Wir haben hier gerade einen Künstler und wir haben hier 50.000 Euro. Was kannst Du damit anstellen?’”, erklärte ein junger maskierter Mann, welcher in einer YouTube-Dokumentation Kai genannt wird, gegenüber Reporter Ilhan Coskun vom Y-Kollektiv. Für solch eine Summe würde der Hacker die Charts manipulieren und dem Musiker eine Goldene Schallplatte versprechen. “[Das habe ich] für die größten fünf Top-Künstler in Deutschland gemacht. Auch wenn sie es nicht wissen - ihre Manager wissen es. […] Diese Künstler können da noch nicht einmal was für, weil die Leute, die zu mir gekommen sind, die haben es im Verborgenen gemacht […] Ich kann aus dir einen Star machen. Es ist mega einfach, aus dem Nichts in die Charts zu kommen.”

Doch Kai würde nicht im Alleingang handeln, sondern gestand in der Reportage, dass er “mit mehreren arbeiten” und die Aufträge an seine Kollegen verteilen würde. Doch wie kann man sich solch einen Deal vorstellen?

“Wenn du zu mir kommst und mir sagst, dass du zehn Millionen Streams brauchst, dann nehme ich Anzahlungen und rechne es mir aus. Ich rechne mir aus, wie lange und oft ich den Song hören kann und dann erstelle ich einen Preis, bevor wir einen Preis ausmachen und dann ist alles gut. […] Das einzige, was du brauchst, ist Geld und ein Lied”, sagte Kai aus, bevor er Ilhan Coskun vom Y-Kollektiv an einem eigenen Beispiel gezeigt hat, wie einfach das System von Spotify und Co. gehackt werden und somit die Charts manipuliert werden können. Und so war es schließlich geschehen: Nachdem der YouTube-Reporter gerne selbst das Versuchskaninchen spielen wollte, nahm er im “Verlorene Jungs”-Tonstudio in Bremen den Track “8K” auf, legte sich den Künstlernamen “Error281” zu und stattete dem Hacker wenige Wochen später erneut einen Besuch ab.

Doch wie kann man sich das nun vorstellen?
“Es ist so, ich habe [Informationen von] 150.000 oder 250.000 deutsche Accounts und die hören dann nonstop den Song, den ich haben möchte. Ich erstelle Playlisten, die mehrere tausend Follower haben. Es wird unterschiedlich gemacht, damit es nicht auffällt”, erklärte Kai und fügte hinzu, dass er ebenfalls anderen großen Musiker, die mit seinen Machenschaften nichts zu tun haben, die Taschen vollmachen würden. “Wenn ich zum Beispiel einen kleinen Künstler habe, dann setze ich dafür - nehme ich als Beispiel den Capital Bra - oder irgendjemanden, der ganz toll groß ist gerade, setze ihn in die Liste mit rein und streame seinen Song gleichzeitig mit. [Obwohl man es als Künstler gar nicht möchte], mache ich es trotzdem, damit der Algorithmus von Spotify es nicht merkt. Die können sich eigentlich bedanken.”

Jene Email-Adressen von “150.000 oder 250.000 Accounts” habe Kai im Übrigen geknackt und würde Profile von diversen Menschen dafür nutzen, seinen Job machen und "bis zu 100.000 Euro im Monat verdienen" zu können. Nach dem Hacken hören sich diverse Accounts demnach die erstellte Playlist in Dauerschleife an und generieren somit unzählige Klicks. Dass der Spaß “nicht ganz legal” ist, hat der junge maskierte Mann im Übrigen auch auf dem Schirm und gestand: “Ja, ich bin ein Grund vorsichtiger Mensch, ich passe schon auf, was ich mach’. [Angst?] Ja, dass Problem ist ja: Es ist nicht ganz legal.”

Im Fall von Ilhan Coskun aka “Error281” hat sich Kai dennoch nicht geniert und dem Newcomer einen kompletten Zeitplan erstellt, ihn dazu aufgefordert nicht nur den Song “8K”, sondern auch ein dazu passendes Musikvideo zu erstellen. Accounts auf sozialen Netzwerken musste Error281 ebenfalls eröffnen und seinen Track promoten. Und siehe da? Wenige Tage nach dem Releaseday am 10. Mai 2019 konnte sein Debüt bereits über 100.000 Streams verzeichnen. Wie viel Geld er für diesen Spaß hinblättern musste und wie viel er mit den Aufrufen selbst generieren konnte, kannst Du Dir in nachfolgender Dokumentation einmal genauer anschauen: