Springender Mann mit Cap im orangenen T-Shirt
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Kinder rufen Auskunftsstellen für Gutenachtgeschichten an

Wenn Anwälte zu Babysittern werden

Manche von ihnen sind gerade mal fünf Jahre alt: Kinder, die Helplines anrufen, weil ihre Eltern zu betrunken sind, um sich um sie zu kümmern, sind längst keine Ausnahme mehr.

Manche von ihnen sind gerade mal fünf Jahre alt: Kinder, die Helplines anrufen, weil ihre Eltern zu betrunken sind, um sich um sie zu kümmern, sind längst keine Ausnahme mehr.
 

Unglaublich

Im Vereinigten Königreich soll es 2,5 Millionen Kinder geben, deren Eltern alkoholabhängig sind. Der National Association for Children of Alcoholics (Nacoa), Landesverband für Kinder von Alkoholikern, wird von manchen Kindern so regelmäßig angerufen, dass deren Lieblingsbücher bereits einen festen Platz neben den Telefonen bekommen haben.

Hilary Henrqiues, von Nocoa, erzählte, dass ein Anwalt sogar schon mal einem fünfjährigen Mädchen geholfen hat, den Notruf zu kontaktieren, da sich die Mutter über Nacht ins Badezimmer eingeschlossen hatte. Als die Sanitäter ankamen, mussten sie feststellen, dass die Mutter verstorben war.

Ein weiterer Anruf kam von einem siebenjährigen Mädchen. Sie rief an, während sie sich vor den betrunkenen Eltern unter ihrem Bett versteckte. Und das an Weihnachten. Das Kind fror, war verängstigt und hatte keine Geschenke bekommen. Es wollte eine Geschichte über seinen imaginären Freund, einen Hund namens Bruce, erzählt bekommen.

Die Kleinen, die regelmäßig bei der Helpline anrufen, fordern meist klassische Disney-Märchen, während auch Bücher von Horrid Henry und Roald Dahl sehr beliebt sind, so Henriques. Sie erklärte außerdem: "Die Kinder hören gerne eine erfundene Geschichte, weil das hilft, die Botschaft rüberzubringen, dass die Dinge anders sein können als in dem Leben, das sie gerade führen. Das ist wirklich der Grundstein dessen, was wir tun - die Hoffnung am Leben halten."

Psychotherapeut und Sprecher der International Conferences on Addiction and Associated Disorders Christophe Sauerwein sagte in einem Interview: "Unter der Obhut Suchtkranker groß zu werden, ist extrem schwer für das Kind und hat Einfluss auf das Erwachsenenalter. Ein Abhängiger stellt seinen Konsum über seine elterlichen Pflichten. Das Kind wird vernachlässigt sein und selbst für sich sorgen müssen, beinahe wie ein Waisenkind. Manchmal wird es sich für einen unter Drogeneinfluss stehenden Elternteil sorgen müssen und keine Wahl haben als sich um ihn wie um ein Kind zu kümmern, was eine unmögliche und unfaire Aufgabe ist."

"Das Verhalten Drogensüchtiger ist unberechenbar und unkontrolliert. Das Kind wird mit einer permanenten Angst davor, was als nächstes passieren wird, aufwachsen. Durch die mangelnde Fürsorge wird das Kind das Gefühl entwickeln, ungeliebt und verlassen zu sein und schließlich ein geringes Selbstbewusstsein und geringen Selbstwert empfinden."

"Mehr und mehr westliche Rechtssysteme erachten abhängige Eltern in einer Familie als missbräuchlich für die Kinder", berichtete Sauerwein. Um so wichtiger ist die Arbeit von Menschen wie den Mitarbeitern der Nocoa und deren Bereitschaft, regelmäßig Telefon-Babysitter zu spielen.