Sein Album 'XOXO' führt mehr als ein halbes Jahr die Amazon-Vorbestellungen an - und ist inzwischen auf Platz Eins der Albumcharts gelandet. Fachmagazine feiern ihn als Rettung des deutschen HipHop, Feuilletons erheben ihn zum Sprachrohr einer ganzen Generation. Seine Zeilen zieren die Haut zahlreicher Fans. Und so sehr er den HipHop-Underground gespalten hat, so eint er jetzt alle Lager. Das neue deutsche Phänomen heißt Casper.

Wer oder was aber ist Casper? Noch vor ein, zwei Jahren kann kaum einer etwas mit dem Namen anfangen. Keiner außerhalb der HipHop-Community zumindest: Dort wundert und ärgert man sich über den schmächtigen Typen in Röhrenjeans, der auf seinem Debüt 'Hin zur Sonne' in für die Szene ungewöhnlich ruhigen Momenten emotionale, verletzliche Texte mit spärlichen Klaviermelodien unterlegt und lieber die Smiths als 2pac zitiert. Er steht damit recht alleine da in einem Umfeld, in dem es immer um die größte Karre und die dicksten Eier geht. Abschätzig tun ihn Viele als "Emo-Rapper" ab - und ignorieren, dass Casper sein Handwerk genauso gut beherrscht wie die klunkerbehangenen Kollegen. Denn obwohl er privat tatsächlich eher im Rock zuhause ist, von Punk- und Indiebands geprägt wurde und auch in zwei Hardcore-Kapellen gespielt hat, war Rap für ihn immer ein wichtiges Ventil.
Als der elfjährige Benjamin Griffey 1991 in sein Geburtsland zurückkommt, kann er kaum Deutsch. Er ist erst wenige Monate alt, als die Familie aus NRW in die USA zieht - Benjamins amerikanischer Vater ist Army-Soldat und wird zurück nach Georgia versetzt. Die Griffeys führen eine ärmliche Existenz in den Trailerparks vor Atlanta. Arlen Griffey kämpft immer wieder an der Front, doch viel Geld gibt's als Soldat nicht, der soziale Aufstieg bleibt aus - eine Kindheit, die Casper in seinen Songs später als 'unentwegtes Hundeleben' bezeichnet. Sie hat jäh ein Ende, als die Ehe der Eltern zerbricht und Benjamin mit seiner Mutter nach Deutschland zurückzieht. Bielefeld, eine fremde Stadt; Deutsch, eine ihm fast fremde Sprache.
Benjamin behilft sich mit Songtexten. Er beginnt bald selbst zu schreiben, lernt dadurch nicht nur Deutsch zu sprechen, sondern auch kreativ mit der Sprache umzugehen. Ein Kumpel schleppt ihn mit zu Freestyle-Sessions, dort übt er, seine Wortspiele mit Rythmus und Flow zu füllen. Benjamin rappt - und Casper ist geboren.
"Interesse für nichts, wieder sechs in Physik - scheiß drauf, lässiger Blick, Messer gezückt. Legende der Clique, Rebelle für nichts." (aus 'Unzerbrechlich')
Inspiration zieht er vor allem aus persönlichen Erlebnissen. Seine Kindheit in den USA, das Aufwachsen in der Enge des trostlosen Bielefeld, die Ängste und Selbstzweifel des Teenagerdaseins. Klar ist er damit nicht alleine. Vielmehr trifft er das Gefühl einer ganzen Jugend. Kaputte Familie, Zukunftsangst, Anonymität in einer zusammenwachsenden Welt. Nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Feiern gehen, weil sonst nichts geht. "Die Welt ist nicht gegen uns, wir sind ihr bloß egal", rappt Casper in 'Deine Jugend' sehr treffend. Es sind diese Ein- und Ausblicke, die Casper zur Blaupause des durchschnittlichen Teenagers und ihn damit so interessant für den Feuilleton machen. Schon vor der Veröffentlichung von 'XOXO' wird Casper im Kulturteil großer Zeitungen als Sprecher der heutigen Jugend gehandelt. Das trägt viel zum Hype bei, der um 'XOXO' entsteht - gerade weil Casper seine Musik anders angeht als die meisten Rapper, hegt mittlerweile auch ein Teil der HipHop-Szene die Hoffnung, das Album werde nicht weniger als die Rettung des festgefahrenen Genres.
Hohe Erwartungen also, die da auf dem jungen Bielefelder liegen. Der Entstehungsprozess von 'XOXO' läuft anfangs mehr als schleppend - und bringt Casper buchstäblich an den Rand der Verzweiflung. Beim Undergroundlabel 'Selfmade Records' fühlt er sich nicht wohl, irgendwie kann er seine Vision dort nicht umsetzen. Der Schaffensprozess zermürbt ihn, er tritt auf der Stelle. Erst der Wechsel zum Label fourmusic bringt den musikalischen, und damit auch persönlichen Befreiungsschlag. Mit Produzent Steffen 'Steddy' Wilmking fängt er ganz von vorn an - und setzt seine Vorstellung von Hip-Hop um.
Auch bei bigFM scheint Klärungsbedarf zu bestehen! Im bigInterview hat unser Till keine Ahnung, von wem Samy Deluxe da redet...
...und was macht der so?
Das Album:
Casper geht Auf 'XOXO' seinen Weg. Das Album ist schwerer, pathetischer als noch sein Vorgänger - und definitiv auch weniger Hip-Hop. 'Blut sehen' ist der einzige klassische, mit Beatsample unterlegte Track, den Rest der Zeit bestimmen flirrende Gitarren und verhangene Keyboardmelodien das Soundbild. Textlich schwankt 'XOXO' zwischen persönlichen Themen und den ganz großen Statements, überzeugt mit konzeptartigen Zusammenhängen. Der Opener 'Der Druck steigt' und 'Blut sehen' hängt als Abbild der vergessenen Jugend zusammen. 'Alaska' ist das Zerbrechen einer Beziehung, die im Titeltrack 'XOXO' noch von naiver Verliebtheit geprägt ist. Casper rappt über seinen Vater ('Grizzlylied') und den Selbstmord eines Freundes ('Michael X'), porträtiert schonungslos seine eigenen Abgründe ('Kontrolle/Schlaf'). Obwohl das alles so persönlich ist, trifft 'XOXO' dennoch eine allgemeine Stimmung, die eine ganze Generation anzusprechen scheint - ob Rapper oder Rocker.

'XOXO' ist nicht das perfekte Album. Aber es ist eine starke, Genre-Grenzen sprengende Momentaufnahme von und für Deutschlands Jugend. Damit gehört das Hier und Jetzt Casper - bleibt abzuwarten was wird, nach dem Hype.